Campo de Criptana
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Muslim-Interview mit Tanja Krienen

Muslim-Markt interviewt Tanja Krienen, Autorin, Journalistin und Herausgeberin des Magazins Campo de Criptana und des gleichnamigen Blogs (27.11.2006)


Abrufbar unter muslim-markt.de

MM: Sehr geehrte Frau Krienen. Wenn man das liest, was andere ├╝ber Sie schreiben, dann sind Sie nicht nur von einem m├Ąnnlichen K├Ârper in einen weiblichen Gewechselt sondern auch von einer Kommunistin zur Anh├Ąngerin von George Bush. Wollen Sie bei Letzterem Herrn Schily ├╝bertreffen?

Krienen: Jeder der ├Âffentlich wirkt, muss damit rechnen, dass andere ├╝ber ihn schreiben, doch davon ist - nicht nur in meinem Fall - der gr├Â├čte Teil falsch. So habe ich mich z.B. in der Kernzeit meiner politischen T├Ątigkeit nicht als Kommunistin, sondern als "Demokratische Sozialistin" gesehen. Schon als solche war ich aber nie eine Pazifistin und habe aus dieser Position gegen Linke polemisiert, die jeden Konflikt ausschlie├člich "friedlich" austragen wollen und dabei v├Âllig in Gegensatz zu ihrer eigenen Lehre gerieten. Dies empfand ich als heuchlerisch. Ich lebe aber nicht in den USA und kann somit nicht abschlie├čend entscheiden, f├╝r wen ich mich dort als B├╝rgerin engagieren w├╝rde. Derzeit ist es wohl gut, dass die Demokraten Einfluss gewinnen und der Kurs im Irak ge├Ąndert wird.
Zu Ihrer Eingangsbemerkung: Mein K├Ârper an sich war immer feminin, daran hat sich nichts ge├Ąndert. Wohl aber notwendigerweise an den Geschlechtsmerkmalen.

MM: In einer Ihrer fr├╝hern Ausgaben von Campo de Criptana haben Sie - um es vorsichtig auszudr├╝cken - extrem "islamkritische" Texte ver├Âffentlicht. Heute stehen Sie nicht mehr dazu. Wie kam es zu der Weiterentwicklung?

Krienen: Mir wurde manchmal vorgeworfen, ich sei den arabischen Menschen gegen├╝ber feindlich gesinnt, doch ich habe schon fr├╝her immer vehement beteuert, dass dies eine falsche Interpretation meiner Haltung ist. Kritik jedoch muss sein - an allen Erscheinungsformen des Lebens. Doch auch die andere Seite, konkret die pro-israelische, kann mit dieser Kritik nicht leben und diffamiert, statt mit Argumenten zu ├╝berzeugen. Mit der Zeit also merkte ich, dass hier eine extrem einseitige Parteinahme von mir gefordert wurde, der ich aber nicht nachkommen konnte, da man in diesem historischen Konflikt nicht schwarz-wei├č malen kann. Im ├ťbrigen sind in meinem Magazin, dessen Internetpr├Ąsenz ich demn├Ąchst aus den besagten Gr├╝nden umgestalten werde, immer beide Seiten zu Wort gekommen, wenn ich nur an die Interviews nach den Ereignissen von Madrid denke, deren Folgen ich in der spanischen Hauptstadt direkt erlebte.

MM: ├ťberhaupt scheint Ihr Leben voller extrem erscheinender Weiterentwicklungen zu sein. W├Ąhrens Sie noch vor wenigen Jahren Teile der Elite des deutschsprachigen Zionismus interviewt haben bzw. pro-zionistischen Kreisen eine Plattform lieferten, stehen Sie jetzt in einem Rechtsstreit mit einem der bekannteste Zionisten Deutschlands. Wie kam es dazu?

Krienen: Es ist sehr treffend, wenn Sie von "Weiterentwicklungen" reden. In der Tat scheint es mir notwendig zu sein, nicht stehen zu bleiben und neue Wege zu gehen. Allerdings w├╝rde ich an der Frage "zionistisch oder nicht?", diese Weiterentwicklung nicht festmachen wollen, sondern einfach an meiner Haltung, dem fortschreitenden Extremismus eine Absage zu erteilen. Es ist pure Heuchelei immer nur von den eigenen Opfern zu reden, aber die eigenen Taten zu ├╝bergehen. Wir m├╝ssen aus dem blutigen Spiel gegenseitiger Vorw├╝rfe heraus und Fakten zur Verst├Ąndigung schaffen. Dazu geh├Ârt die Schaffung eines Staates Pal├Ąstina, eine gerechte Wasser und Bodenpolitik, gegenseitiger und endg├╝ltiger Verzicht auf Territoriumsforderung, sowie - mein Vorschlag - die Installation eines parit├Ątisch besetzten Rates um die interstaatlichen Probleme vorgestellter Art zu kl├Ąren.
Zudem w├╝rde ich allen Unbeteiligten zur Zur├╝ckhaltung raten. Die vielen Millionen Strategen und Besserwisser, die im Grunde andere Interessen als die Befriedung dieses Prozesses verfolgen, haben meist nur geschadet. Das gilt besonders f├╝r das aggressive deutsche Milieu derjenigen, die sich f├Ąlschlicherweise "Israel-Solidarit├Ąt" nennen, aber diesen Konflikt nur zur Etablierung eigener Ziele nutzen will und auch zu nutzen versteht. Aber auch von der muslimischen Seite erwarte ich weltweit, dass sie nicht jeden Konflikt zum Anlass nimmt, um ins Grunds├Ątzliche zu gehen und zu einer friedlichen Haltung findet, ohne den Disput, den sie in der Sache f├╝hren will, dar├╝ber zu vernachl├Ąssigen.
Den angesprochenen Rechtsstreit habe ich nicht gesucht, er wurde mir aufgezwungen. Es gibt Beleidigungen, die kein Mensch, der so etwas wie eine pers├Ânliche Ehre hat, akzeptieren kann. Dass ein Publizist, der vorgibt f├╝r eine freiheitliche Welt zu k├Ąmpfen und seine angeblich so hehren Ideale offenbar mit allen Gewaltmitteln gegen die moslemische Welt durchsetzen will, fortgesetzt mit Worten auf unterstem Niveau schm├Ąht die man eigentlich keinem zumuten will, ist bezeichnend f├╝r die in diesem Lande herrschende und geduldete Doppelz├╝ngigkeit.

MM: Eine bez├╝glich der Pal├Ąstina-Problematik zunehmend bei Muslimen Anhang findende aber auch von manchen Juden unterst├╝tze Haltung ist, dass es nur einen gemeinsamen Staat f├╝r Juden, Christen und Muslime geben sollte, in dem alle Religionen gleichberechtigt sind. Diese Haltung gr├╝ndet auch darin, dass davon ausgegangen wird, dass ein "Pal├Ąstinenserstaat" in den Gebieten, die noch verblieben sind, gar nicht existenzf├Ąhig ist. K├Ânnen Sie f├╝r die so genannte Einstaaten-L├Âsung Verst├Ąndnis aufbringen, auch wenn Frau Merkel das niemals akzeptieren w├╝rde?

Krienen: Wir haben mit den Neugr├╝ndungen auf dem Balkan oder im Baltikum, aber auch mit den traditionellen Kleinstaaten keine schlechten Erfahrungen gemacht. Auch kleinere Staaten sind ├╝berlebensf├Ąhig, wenn sie eine faire Chance erhalten und sie selbst gut mit ihren Nachbarn kooperieren. Die pal├Ąstinensische Bev├Âlkerung ist jung, motiviert und gewiss nicht allein, wenn sie den Aufbau eines eigenen Staates in Angriff nimmt. Eine Entspannung zwischen den V├Âlkern dort, f├╝hrt auch zu einem liberalen Grenzverkehr, hoffentlich, gewiss sogar, auch zu dem Abbau des uns├Ąglichen Zaunes. Dies alles muss man diskutieren. Maximalforderungen stehen einer Einigung und einem Separatfrieden im Wege.

MM: Was wir noch nicht ganz verstanden haben, ist die Tatsache, dass Sie sich f├╝r die CDU im Wahlkampf engagiert haben, obwohl sie selbst entschieden gegen Besatzungen wie im Irak oder Pal├Ąstina sind. Wie ist dieser Widerspruch zu verstehen?

Krienen: Es w├Ąre vermessen, w├╝rde ich bei meiner Entscheidung f├╝r eine Partei zu werben, allein den Nahen Osten in den Mittelpunkt stellen. Ich habe mich zuvorderst aus anderen Gr├╝nden f├╝r die Union engagiert und mich nie als blo├čes Sprachrohr f├╝r Frau Merkel gesehen - das ist wieder einer dieser Presseirrt├╝mer. Aber die Vorg├Ąnge im Irak sind nicht ganz so einfach zu beurteilen. Zum einen haben wir da Saddam Hussein und sein Regime, das die Religionsfreiheit nicht gew├Ąhrleistete und auch Muslime unterdr├╝ckte. Das andere ist ein dilettantisches Vorgehen, das ├╝ber keine geeignete Strategie, auch keine tragf├Ąhige L├Âsung verf├╝gt, und immer nur neue Gewalt hervorbringt. Vor dem Krieg nannte ich den absehbaren Konflikt im Fr├╝hling 2003 einen "Wechselbalg", also etwas, das nicht das ist, wof├╝r es gehalten wird. Heute wei├č ich, dass er ein Monster war und ist. Es sei uns eine Lehre, derartige Kriege zuk├╝nftig nicht mehr zu f├╝hren.

MM: Glauben Sie ernsthaft, dass Ihr Letzter Satz in der CDU mehrheitsf├Ąhig ist? Noch nie hat Deutschland seit dem zweiten Weltkrieg so viele Soldaten in die Welt geschickt, wie unter Frau Merkel.

Krienen: Doch, der Satz ist auch in der CDU mehrheitsf├Ąhig. Aber wir sollten doch die Aussage zu dem Quantum der Soldaten relativieren. Die Zahl liegt unter 10 000 und die meisten sind quasi "Bausoldaten", erledigen humanit├Ąre oder logistische Aufgaben. F├╝r eine so gro├če Nation, hat Deutschland weder ein gro├čes Heer, noch sehr viele aktive Soldaten unter Waffen. An die Grenzen stie├č man nun, als der "Libanon-Einsatz" begann, doch auch hier befindet sich Deutschland nicht im Krieg mit irgendjemandem, sondern nimmt auf Wunsch aller beteiligten Seiten seine Aufgaben wahr. Wie bekannt, wird Deutschland in der muslimischen Welt als Vermittler geachtet. Prinzipiell ist es zu begr├╝├čen, dass die Deutschen nicht weiter in der "Hitler-Falle" sitzen, will sagen: Es ist nicht gut f├╝r eine Nation, wenn sie auf ewig mit einer Schuldzuweisung verdammt ist, aus der sie sich nicht im Ansatz l├Âsen darf. Das sch├╝rt Aggression nach innen, das macht eine ganze Bev├Âlkerung depressiv. Der Umschwung ist aber geradezu f├╝hlbar. Nun hoffe ich, das klang jetzt nicht zu sehr nach Frau Merkel?!

MM: Zudem gilt die CDU unter der Bev├Âlkerung eher als Vertreter des Raubtierkapitalismus und der "deutschen Leitkultur", jedenfalls mehr als alle anderen Parteien. Was sagt die ehemalige Sozialistin mit internationalem Denken dazu?

Krienen: Die Leitkulturdebatte hierzulande war eine, die ein Moslem "erfand": Bassam Tibi. Ich habe ihn so verstanden, und so hat er es auch immer wieder betont, dass er diese im europ├Ąischen, nicht im deutschen, Kontext f├╝hren wollte. Das ist legitim. Wir sollten tats├Ąchlich offen ├╝ber unsere angestrebten Werte diskutieren und w├╝rden dabei auch feststellen, dass ein Werteverfall eingesetzt hat, der haupts├Ąchlich aus unserem eigenen Innern stammt. Wir m├╝ssen das richtige Ma├č f├╝r Freiz├╝gigkeit UND Moral finden. Gegen die Nichtbeachtung grundlegender Prinzipien dieser historisch gewachsenen Vorgaben versto├čen viele Teile der Bev├Âlkerung, unabh├Ąngig von der Religion. Aber, das muss ich deutlich sagen: Auch bestimmte Teile der Muslime m├╝ssen sich da bewegen und die Regeln einhalten, zu der auch eine gewisse Toleranz geh├Ârt.
Sehen wir es doch n├╝chtern, abseits der Schlagworte. Kaum eine Gesellschaft in der Welt, abgesehen von einigen Nordeurop├Ąischen L├Ąndern, verf├╝gt ├╝ber ein derartig festes soziales Netz, wie es in Deutschland existiert. Momentan ├╝berbietet sich doch selbst die Union mit neuen Vorschl├Ągen zur Sozialpolitik, auch wenn ich finde, dass dies alles am Kern der Probleme vorbei geht. Dieses aber hei├čt vor allem: Bezahlbare und befriedigende Arbeit auch f├╝r weniger Qualifizierte schaffen! Nur so erhalten die Kassen "frisches Geld" und floriert der Konsum. Dar├╝ber hinaus m├╝ssten sich auch die Menschen von eingefahren Wegen entfernen. Arbeitsplatzbesitzer sollten das Teilen lernen, wenig Verdienende die Sparsamkeit entdecken, Hypochonder und andere sich selbst Sch├Ądigende sollten Wege zur Gesundheit beschreiten und - ich sage dies bewusst - Altgewordene sich mit einem humanit├Ąren und nat├╝rlichen Tod abfinden. Die Gesellschaft kann nicht alle Risiken abdecken - und das ewige Leben fordert nicht einmal die Linke. Oder?

MM: Erlauben Sie uns eine abschlie├čende Frage: Eine Geschlechtsumwandlung ist sicherlich kein einfacher Schritt. Und obwohl Gelehrte wie Imam Khamene'i die Geschlechtsumwandlung unter bestimmten umst├Ąnden erlauben, f├Ąllt es vielen Muslimen - gegen ihre eigene ├ťberzeugung - schwer, ein "normales" Verh├Ąltnis zu einer Person aufzubauen, die eine Geschlechtsumwandlung hinter sich hat. Wie sind Ihre pers├Ânlichen Erfahrungen in der Gesellschaft und w├Ąre es nicht "leichter" Homosexuell zu werden, was ├╝brigens im Islam streng verboten ist?

Krienen: Wirkliche Transsexualit├Ąt hat mit Homosexualit├Ąt nichts zu tun. Ich kann mir aber vorstellen, dass dies viele Muslime das negativ sehen und ich gebe zu: Ich kann es ihnen nicht ganz ver├╝beln. Und zwar deshalb, weil sich viele, die sich f├Ąlschlicherweise transsexuell o.├Ą. nennen, tats├Ąchlich dies in grotesker und nicht akzeptabler Weise ausleben und in der ├ľffentlichkeit extrem pr├Ąsentieren. So wird ein Bild verfestigen, das auf den Betrachter absto├čend wirkt. Insofern halte ich die Aussagen des Imam Khamene'i f├╝r ├╝beraus tolerant. F├╝r mich ist aber zudem entscheidend, ob die VORAUSSETZUNG ├╝berhaupt gegeben ist. Hier bedarf es einer intensiven Pr├╝fung und nichts w├Ąre falscher als eine liberale Haltung, da diese nicht nur wichtige gesellschaftliche Komponenten wie die Familie und die Kinder-Erziehung untergr├Ąbt, sondern auch das Mann-Frau-Gef├╝ge ad absurdum f├╝hrt. Die Aushebelung dieser Beziehung hat den Westen in vielerlei Gestalt zerst├Ârt - die muslimische Welt w├Ąre gut beraten, es nicht soweit kommen zu lassen. Individuelle Freiheit: Ja! Aber mit Regeln und in Grenzen! Aber gestatten Sie mir noch eine Bemerkung zu den Homosexuellen. Diese sollte man wegen ihrer ungl├╝cklichen Neigung und ihres gew├Ąhlten Lebensweges nicht bestrafen, sondern nur daf├╝r sorgen, dass ihre "Kultur" nicht medial in den Vordergrund ger├╝ckt und die Regeln des ├Âffentlichen Anstandes von ihnen eingehalten werden.
Heuchlerisch emp├Âren sich Christen und Juden auch ├╝ber das zwischenmenschliche Zusammensein oder z.B. ├╝ber die Altersgrenzen im moslemischen Lebensbereich. Ich kann mich ├╝ber das Verhalten von moslemischen M├Ąnnern jedoch nicht beschweren - sieht man einmal von ein paar Jugendlichen ab, die auch andere Menschen schon einmal anp├Âbeln - und halte es ├╝berdies mit Nietzsche: "Der Islam hat M├Ąnner zur Voraussetzung."

MM: Frau Krienen, wir danken f├╝r das Interview.



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