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H├Âr gut zu und lies!

H├Âr gut zu und lies!



Dreieinhalb Klassiker - neu geh├Ârt



Von Tanja Krienen - Quelle: Neue Rheinische Zeitung

Sie haben nichts neues zu lesen? Das macht gar nichts - nehmen Sie sich doch einfach wieder einmal altbekannte Klassiker vor, und entdecken Sie neues, zum Beispiel, wenn der Autor durch seinen Stil selbst dazu beitr├Ągt, ganz neue Sichtweisen auf das Werk zu vermitteln, oder wenn hervorragende Schauspieler vortragen. Ganz klar, es geht um H├Ârb├╝cher, in diesem Fall um "Ansichten eines Clowns", "Don Quichote" und "Lolita" - allesamt vorgestellt durch Tanja Krienen - die Redaktion.

Empfohlen werden: Ansichten eines Clowns, Don Quichotte und Lolita - wie man unschwer sieht, scheitern hier drei Personen, und wie es geschieht, ist allemal zeitlos. Also:
Lassen wir die Debatte ├╝ber das F├╝r und Wider von "H├Âr-B├╝chern" beiseite. Hier m├Âchte ich drei vorstellen, die aus der Masse herausragen und aus "gro├čen Stoffen" bestehen, obwohl zwei von ihnen eher Spiel-B├╝cher sind, also eigentliche H├Ârspiel-B├╝cher genannt werden m├╝ssten.

"Ansichten eines Clowns" - Heinrich B├Âll
gelesen vom Autor mit anschlie├čender Diskussion, 5 CD, "der h├Ârverlag", produziert 1963 (Studiolesung) und 1982 (Diskussion, drei Jahre vor B├Âlls Tod) vom WDR.

Dieses Buch (geschrieben 1963) begleitet mich seit meiner Jugendzeit, als ich entdeckte, dass der Protagonist mir sehr ├Ąhnlich ist. Dabei ist nicht seine Herkunft gemeint - er stammt aus Bonn, ist ein Fabrikantenkind, oder seine Profession, die eines "klassischen Clowns", eigentlich Pantomime, und ich hasse diese Sorte von K├╝nstlern - sondern: die seelischen Zust├Ąnde. Vielleicht aber hat es der Autor Heinrich B├Âll auch nur so gut verstanden, den geneigten Leser mit auf die Reise zu nehmen, um den Niedergang des Protagonisten mitzuempfinden. Voraussetzung f├╝r eine Empathie mit der Hauptfigur jedoch sollte sein, dass man die Melancholie, jenen Skeptizismus gegen├╝ber des religi├Âsen Milieus und ein Gesp├╝r f├╝r die Janusk├Âpfigkeit menschlicher Charaktere besitzt, der den Grundton sofort als den treffenden ausmacht.

Diesen Ton trifft der Vorleser B├Âll in grandioser Weise. Die eigene Kopfstimme vergessend, erschlie├čt seine neue Sichtweisen und neue Strukturen der handelnden Personen, die selbstverst├Ąndlich auch der - sicher ganz gute Film aus dem Jahr 1976 - mit Helmut Griem, Hanna Schygulla, Hans-Christian Blech, Rainer Basedow und vielen anderen, nicht erreicht. Sympathisch wie selten kommt hier der rheinl├Ąndische Tonfall daher, wohl auch, weil er weniger "singend", als stets schleppend, traurig, resignierend und lakonisch klingt. Wie B├Âll hier Pausen und Akzepte setzt, wie er s├╝ffisant Dialoge zelebriert und Typen in ihrer Finsternis modelliert, zeigt, dass in diesem Werk Autor und Vorleser eine Einheit bilden.

Stark f├Ąllt die auf der f├╝nften CD dokumentierten Diskussion ab, die der WDR in einem Studio etwas verkrampft in Szene setzte. B├Âll, ganz der "sp├Ąte B├Âll", der "Repr├Ąsentant", beschreibt die Wirkung so, als h├Ątte er das Fazit aller Rezensionen verinnerlicht. Egal. Hervorzuheben ist sein Urteil ├╝ber den "heutigen Katholizismus" (1982), und der liefe, so B├Âll, "Zum Flauen hin, das flappt so wech". Es war aber kein guter Einfall, Sch├╝ler Fragen stellen zu lassen ("Ich hab also jetzt noch mal eine ganz direkte Frage: Hei├čt das jetzt, der Clown steht jetzt repr├Ąsentativ f├╝r eine Gruppe oder ist eben jetzt nur Individuum?") - bis auf wenige Ausnahmen bleibt es einfach, sch├╝lerhaft, infantil.

Hier und da blitzt bei B├Âll dann aber durch, was ihn, wenn er gut war, ausmachte, n├Ąmlich die ├╝berraschende Wende und das klar formulierte politische Urteil: "Ich glaube auch nicht, dass K├╝nstler, Schriftsteller sensibler sind als andere, sie k├Ânnen sich nur besser ausdr├╝cken. Ich glaube nicht, dass ein Bankangestellter, eine Verk├Ąuferin, ein Monteur sensibler ist als ich. Verstehn Sie?", dieses "Verstehn Sie?" oder "Verstehen Sie mich?" taucht nicht nur einmal auf, in dem Sinne, dass B├Âll sich ├╝ber den literarischen Wissenstands seiner Gespr├Ąchspartner so im Unklaren ist, wie der beschriebenen Verk├Ąuferin der Sinn seines Werkes, n├Ąmlich: wie die nicht vorhandene dicke Fischsuppe an katholischen Freitagen.

"Don Quichote de la Mancha" - Cervantes
6 CD, "der h├Ârverlag" produziert 1962

Ein anderer K├Âlner, der in Bonn deb├╝tierte, spielt die Hauptrolle in dem St├╝ck, das die CAMPO-Leser zwar nicht kennen, doch immerhin... ach, lassen wir das jetzt, aber als Willy Birgel l├Ąngst nicht mehr f├╝r Deutschland ritt, besser reiten konnte, sprach und spielte er nicht nur zum Beispiel den antisemitischen Doktor in Max Frischs "Andorra", sondern auch den Don Quichotte, in dieser sch├Ânen H├Ârspielfassung aus dem Jahre 1962.

Die Liste der bekannten Schauspieler, die hier zu h├Âren sind, ist beeindruckend: Willy Birgel als Don Quichotte, Walter Richter als Sancho Pansa, bilden das Grundger├╝st der markanten Stimmen. Herbert Mensching, Peter Fitz, Uwe Dallmeier, Willy Trenk-Trebitsch und Hans Korte (den ich f├╝r einen der besten deutschen Schauspieler halte) sind ebenfalls zu h├Âren. Die ├ťberbr├╝ckungen der Szenen spricht als Erz├Ąhler Walter Andreas Schwarz.

├ťber acht Stunden lang pr├Ąsentiert sich ein szenischer Bilderbogen, der sich besonders f├╝r die dunkle Jahreszeit eignet, wenn mehr Zeit zur (spannenden) Mu├če besteht. Die wichtigsten Passagen des insgesamt gut 1000 Seiten umfassenden Buches (beide B├Ąnde sind gemeint), sind hier dargestellt, sodass der wesentliche Eindruck des Werks wiedergegeben wird.

Sagte man Willy Birgel im Alter nach, er w├╝rde seine ehemaligen Film-Rollen auch mit ironischem Abstand spielen, so gilt das hier besonders, denn der Junker aus dem "Orte in der Mancha, an dessen Namen ich mich nicht erinnern will", so Cervantes im Original, ist gleichsam ver-r├╝ckt, sowohl komisch als auch gescheit und sehr ernsthaft. Und kein anderer als Birgel mit seiner klassischen, manchmal gebrochenen, dann wieder "heroisch" aufsch├Ąumenden Sprachf├Ąrbung vermag diese wechselnden Stimmungen besser einzufangen: eine rundum gelungene Sache.

"Lolita" - Vladimir Nabokov,
"der h├Ârverlag", 2 CD, produziert 1998, WDR

Der bekannte Schauspieler Ulrich Matthes spricht und spielt die zweite Hauptfigur Humbert Humbert, in diesem von Dieter E. Zimmer bearbeiteten Buch "Lolita".

Nicht ganz gegl├╝ckt ist das Ganze, schon, weil der Stoff unschwer nachzuvollziehen, kaum auf insgesamt 150 Minuten zu pressen ist. Sicher, auch die beiden Filme haben mit dem Nachteil zu k├Ąmpfen, dass weder die dem Buche zugrundeliegende, bisweilen nicht zu ├╝berbietende Ironie und der treffende Sarkasmus bez├╝glich "amerikanischer Verhaltensweisen" (die sogar dem Autor den grotesken Vorwurf des "Anti-Amerikanismus" einbrachte) nicht umgesetzt werden k├Ânnen, aber da ein Film vieles durch Bilder zeigt, was geh├Ârt erst beschrieben werden will, fehlt doch manch Interessantes.

Nichtsdestotrotz werden Szenen im Ausschnitt pr├Ąsentiert, die den Roman nachvollziehbar machen. Eine hervorragende Natalie Spinell-Beck und ein gewohnt guter Ulrich Matthes halten das Werk in der Waage, das manchmal durch die zu sehr "gespielte" Einsch├╝be, die sich "modern" und lautmalerisch geben, ├╝berfrachtet wird. Der Schriftsteller Humbert Humbert scheitert zuletzt an seinen Obsessionen, denen er sein Lebens lang, zumindest seit der Pubert├Ąt, nachl├Ąuft. Wer zu faul ist zu lesen, oder einfach ein paar weitere Anregungen erfahren m├Âchte, der kann hier h├Âren, wie dies passiert.

Fazit: H├Âren, ersetzt nicht lesen, sagt die freundliche Erzieherin.

P.S. Und wer immer noch nicht genug hat, dem empfehle ich "Einsamer nie", Gottfried Benn, 2 CDs, "der h├Ârverlag", nicht ohne darauf hinzuweisen, dass hier auch die Begrenztheit Benns sichtbar wird, dessen ├ťbersch├Ątzung, was immerhin als Werturteil eine Sch├Ątzung beinhaltet, nicht zuletzt - entgegen der Annahme - durch allzu profane Verwurzelung im Hier und Jetzt zerst├Ârt wird. Nicht mehr dazu. Das muss jeder mit sich ausmachen. Oder? (CH)

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